{"id":188,"date":"2016-08-04T12:00:52","date_gmt":"2016-08-04T11:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/hevi\/?p=188"},"modified":"2016-09-16T16:17:12","modified_gmt":"2016-09-16T15:17:12","slug":"hakimiyet-milletindir-herrscht-das-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/hevi\/2016\/08\/04\/hakimiyet-milletindir-herrscht-das-volk\/","title":{"rendered":"\u201eHakimiyet Milletindir\u201c \u2013 Herrscht das Volk?"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcbernommen von <a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2016\/08\/hakimiyet-milletindir-herrscht-das-volk\/\"><em>Lower Class Magazine<\/em><\/a> <em>&#8211; <em>Evrim Mu\u015ftu<\/em><\/em><\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine gute Geschichte braucht viel Spannung, die ein Anti-Held erzeugt und vom Helden mutig angegangen und schlie\u00dflich gel\u00f6st wird. Denn wer identifiziert sich nicht gerne mit solch einem Helden? So etwas in dieser Art muss sich die PR-Abteilung der AKP gedacht haben, als sie die Kommunikationsoffensive zur nationalen Feier lancierte, die auf den vereitelten Putschversuch am 15. Juli folgte und bis heute andauert. Sie geht ungef\u00e4hr so: Die geschw\u00fcrartige Organisation des Predigers Fetullah G\u00fclen und dessen Ausw\u00fcchse in Staat und Gesellschaft habe Verrat begangen und die Demokratie in der T\u00fcrkei per Putsch abschaffen wollen. Doch das angst- und selbstlose Volk habe sich dieser Pr\u00fcfung erfolgreich gestellt und die t\u00fcrkische Republik gegen den Feind verteidigt. Daf\u00fcr geb\u00fchre ihm Respekt und Ansehen und dessen Feinden nichts als harte Strafen.<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als ich in der darauf folgenden Woche am Istanbuler Flughafen ankomme, um mir ein Bild der Lage zu machen, f\u00e4llt mir die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Anzahl an vereinenden Symbolen und Parolen, die eine solche Offensive begleiten, sofort ins Auge: T\u00fcrkische Flaggen flattern schon an den Seitenspiegeln des Shuttlebusses oder s\u00e4umen die Caps der Gep\u00e4ckverlader und die Hemden der Grenzbeamten. Auf dem Weg in die Stadt begegnet mir bald das zentrale Motto der Feier: \u201eHakimiyet Milletindir\u201c steht in riesigen, wei\u00df auf roten Lettern auf dem Dach der Messehalle \u2013 also in etwa \u201eDas Volk herrscht\u201c \u2013: Ein altes republikanisches Motto, das trotz der offensichtlichen Konflikte und Widerspr\u00fcche in der t\u00fcrkischen Gesellschaft auf die Einheit des Volkes pocht. Nur auf diese Weise kann gen\u00fcgend Legitimation erzeugt werden, um den zu beobachtenden Umbau der politischen Institutionen voranzutreiben.<span id=\"more-3613\"><\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><b>Das Bild der Stra\u00dfe und f\u00fcnf \u201eGespr\u00e4che von au\u00dfen<\/b>\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Seit einiger Zeit gibt es einen \u2019neuen\u2018 Teil der t\u00fcrkischen Gesellschaft, der nicht in die offizielle Kategorie des \u201eVolkes\u201c f\u00e4llt, und zwar die in der T\u00fcrkei lebenden Araber*innen. Sie haben bekanntlich ihre eigenen Erfahrungen mit Milit\u00e4rputschen und weil die Geschehnisse der letzten Wochen auch sie betreffen, will ich herausfinden, was sie zu sagen haben und wie sie zu den Geschehnissen stehen. \u00dcber Freunde kontaktiere ich mehrere Personen, die sich gerne mit mir treffen wollen. Meine erste Begegnung habe ich mit zwei \u00c4gyptern. Wir haben abgemacht, uns bei der Chora-Kirche in der N\u00e4he der alten byzantinischen Stadtmauer im Bezirk Fatih zu treffen. Der Weg dort hin ist eine Geschichte f\u00fcr sich.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Um mir ein Bild davon zu machen, wie sich die offizielle Version auf den Stra\u00dfen widerspiegelt, steige ich an der U-Bahn Haltestelle Aksaray aus, also in dem Teil Fatihs, der den meisten Fl\u00fcchtenden ein Begriff ist und von dem man eine Zeit gemunkelt hatte, dass der Islamische Staat ein B\u00fcro vor Ort unterhalte. Auf dem Steig begr\u00fc\u00dft mich osmanische Musik, eine Art Marsch. Es ist derma\u00dfen viel los, dass man kaum laufen kann. Vom Platz drau\u00dfen dr\u00e4ngen Siegesrufe gegen den vereitelten Putschversuch in die G\u00e4nge herein. Lobreden werden \u00fcber den selbst- und furchtlosen Helden \u2013 \u00fcber das t\u00fcrkische Volk und dessen F\u00fchrer Recep Tayyip Erdo\u011fan \u2013 geschwungen, dem man sich an diesen Tagen so nahe f\u00fchlen darf. Auf dem Platz vor dem Ausgang sind eine B\u00fchne und mehrere riesige Monitore aufgebaut, auf denen Agitateure zu sehen sind, die von schwer bewaffneten Polizisten umringt ins Mikrofon br\u00fcllen: \u201eVaterland! Verr\u00e4ter! Terroristen! Nationaler Wille!\u201c Immer wieder wird ein Gebet gesprochen, bei dem alle auf diese oder jene Weise mitmachen. Verbr\u00fcdert man sich nicht, so kassiert man schnell die entsprechenden Blicke. Nachdem ich mich an allen F\u00e4hnchen- und Schalverk\u00e4ufern vorbeigestohlen habe, die an den R\u00e4ndern der Veranstaltung gelangweilt oder verzweifelt versuchen, ihr Zeug loszuwerden, trabe ich weiter in Richtung Treffpunkt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3619\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3619 size-medium\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/13932941_308913736108195_2214339872906863695_n-300x225.jpg\" alt=\"13932941_308913736108195_2214339872906863695_n\" width=\"300\" height=\"225\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Von jung bis alt: alle hart am Demokratisieren.<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ein Taxi w\u00e4re wohl auch nicht besser gewesen, weil man jede f\u00fcnfte Minute einem mehr oder weniger gro\u00dfen Mob begegnet, der quer, l\u00e4ngs oder diagonal \u00fcber eine Stra\u00dfe l\u00e4uft oder einfach auf ihr stehenbleibt, um den Verkehr zu sperren und Slogans anzustimmen \u2013 ein regelrechter Karneval, es herrscht echter Ausnahmezustand. Dieser Anblick pr\u00e4sentiert sich mir im Grunde w\u00e4hrend meines gesamten Aufenthalts in verschiedenen Stadtteilen Istanbuls. Er wirkt deshalb verst\u00f6rend, weil viele bekannte Symbole und Rituale in einer derartigen Ordnung auftauchen, die \u2013 zumindest mir \u2013 in dieser Form nicht bekannt gewesen sind. Nachdem ich losgelaufen bin, sehe ich beispielsweise folgendes: Eine Gruppe von 30 bis 50 jungen M\u00e4nnern, meist mit b\u00f6sem Blick und aggressivem Auftreten. Einige tragen T\u00fcrkei-Shirts oder Fu\u00dfballtrikots verschiedener Istanbuler Klubs, die sich sonst bekriegen, dazu kurze Hosen, weil es hei\u00df ist; oder aber religi\u00f6se Kleidung wie eine C\u00fcbbe (islamischer Talar) oder ein helles Hemd, dar\u00fcber Haydariye-Weste und <span lang=\"tr-TR\">\u015e<\/span>alvar (Pumphose), weil die Sitten es so wollen. An der Stirn klebt eine Binde nach dem Motto \u201eJihad\u201c oder \u201eVaterland\u201c, auf dem R\u00fccken weht eine osmanische oder t\u00fcrkische Flagge (mit dem Konterfei Atat\u00fcrks darauf), die H\u00e4nde zeigen das Zeichen der ultranationalistischen Grauen W\u00f6lfe oder das R4bia der \u00e4gyptischen Muslimbr\u00fcder, und aus dem Mund rollen Schlachtrufe wie \u201eVatan, sana, can<span lang=\"tr-TR\">\u0131m feda<\/span><span lang=\"de-DE\">\u201c (Oh Vaterland, dir opfere ich mein Leben!), oder \u201eYa Allah, bismillah, Allahu akbar!\u201c (\u201eTekbir\u201c \u2013 es gibt nur den einen und besten Gott), oder aber einfach nur das in einem 5\/4 Takt gepresste doppelte \u201eRecep Tayyip Erdo<\/span><span lang=\"tr-TR\">\u011f<\/span><span lang=\"de-DE\">an\u201c. Bei dem Anblick fl\u00fcchte ich mich lieber in die Nebenstra\u00dfen.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3621\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3621\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/gettyimages-576538376-300x200.jpg\" alt=\"R4abia, Graue-W\u00f6lfe-Gru\u00df und sexy selfie: Willkommen in der Neuen T\u00fcrkei!\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">R4abia, Graue-W\u00f6lfe-Gru\u00df und sexy selfie: Willkommen in der Neuen T\u00fcrkei!<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Das ist also das heldenhafte Volk, denke ich mir. So kannte ich es gar nicht. Da kommen n\u00e4mlich Dinge zusammen, die einst alle unabh\u00e4ngig von einander f\u00fcr sich selbst funktionierten und f\u00fcr etwas Bestimmtes standen. Der eigenartige Mix dieser Symbole und Rituale zeigt etwas Doppeltes: Einerseits scheinen die Symbole f\u00fcr sich allein nicht mehr im n\u00f6tigen Format operieren zu k\u00f6nnen, andererseits deutet ihr problemloses Zusammenkommen darauf hin, dass die Standpunkte, die sie repr\u00e4sentieren \u2013 zumindest derzeit \u2013 nicht mehr im Widerspruch zu stehen scheinen. Jetzt geht es nur darum, gegen den Putsch und Demokrat oder f\u00fcr den Putsch und Terrorist zu sein, wie es von Seiten Erdo<\/span><span lang=\"tr-TR\">\u011f<\/span><span lang=\"de-DE\">ans und denen, die ihm nachplappern, propagiert wird. Ihre Rechnung scheint aufzugehen, das kurzfristige Hegemonieprojekt l\u00e4uft. Das Hauptproblem dieser Konstellation ist klar: Sie beschr\u00e4nkt das diskursive Feld auf zwei in legale Begriffe gefasste Positionen, von denen eine legitim und die andere illegitim ist, w\u00e4hrend eine dritte Position, die die vorigen in ihrer G\u00e4nze hinterfragt, unm\u00f6glich erscheint. Die meisten politischen Parteien bewegen sich innerhalb dieser Koordinaten. Aus dieser Logik heraus ergibt sich noch ein anderer Schluss: N\u00e4mlich dass diejenigen, die schon vorher als \u201eTerroristen\u201c galten, jetzt auch als Unterst\u00fctzer des Putsches klassifiziert werden. Es verwundert also nicht, wenn man in populistischen Zeitungen wie der <\/span><span lang=\"tr-TR\"><i>Yeni \u015eafak<\/i><\/span><span lang=\"de-DE\"> Texte liest, in denen mit Verweis auf anonyme Quellen \u00fcber die Zusammenarbeit zwischen PKK und G\u00fclenisten spekuliert wird. Wenn man wei\u00df, wer in der T\u00fcrkei als PKK-ler bezeichnet wird und bezeichnet werden kann, der erahnt, worauf ein solcher Diskurs hinauslaufen kann und wohl auch hinauslaufen wird.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3615\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3615\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/019409255_40100-300x169.jpg\" alt=\"Im Kampf gegen den Putsch konnte alles m\u00f6gliche miteinander Unvereinbare wieder vereinbar zu sein.\" width=\"300\" height=\"169\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Im Kampf gegen den Putsch schien alles m\u00f6gliche miteinander Unvereinbare wieder miteinander vereinbar zu sein.<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Auf dem Weg zum Treffpunkt erscheint es mir eigenartig, dass ich die vorangegangene Beobachtung auf dem <\/span>Adnan-Menderes-Boulevard gemacht habe, der nach dem ersten, 1950 frei gew\u00e4hlten, dann mit dem \u2013 ebenfalls ersten \u2013 Milit\u00e4rputsch von 1960 abgeschafften und schlie\u00dflich hingerichteten Ministerpr\u00e4sidenten der T\u00fcrkei benannt ist. Ich komme nicht drum herum mich an die Geschichten zu erinnern, die mir meine griechischen Freund*innen und deren Eltern immer \u00fcber den Pogrom von 1955 erz\u00e4hlten. Im September desselben Jahres explodierte eine Bombe im Geburtshaus Atat\u00fcrks, das in Thessaloniki steht. Die folgenden Tage waren f\u00fcr die Minderheiten, vor allem f\u00fcr die Griech*innen in Istanbul, eine Zeit des Schreckens und der Todesangst. Bewaffnete und aufgebrachte Mengen zogen durch Istanbul und wollten es von den \u201eFeinden\u201c, den Schuldigen des Anschlags befreien. Viele Unschuldige bezahlten mit ihrem Leben und noch mehr mussten ihre Heimat verlassen. Heute wissen wir, dass die Regierung Menderes und der Geheimdienst den Anschlag auf das Atat\u00fcrk-Haus in Thessaloniki sowie die Pogrome in der T\u00fcrkei organisiert hatten. Ich spekuliere \u00fcber historische Parallelen und erreiche schlie\u00dflich die Chora-Kirche.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Parallelen zur \u00e4gyptischen Erfahrung<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Wir treffen uns im Caf\u00e9 neben dem heutigen Museum. Abdallah Al Kriyoni und Tulba warten schon auf mich. Abdallah ist Mitglied der Muslimbruderschaft, die im Zuge des \u00e4gyptischen Milit\u00e4rputsches vom 30. Juni 2013 illegalisiert und deren Mitglieder als Terroristen denunziert, verfolgt, eingekerkert und hingerichtet wurden. Der ehemalige Arzt und Funktion\u00e4r der Gewerkschaft der Mediziner studiert mittlerweile Politikwissenschaften an der Universit\u00e4t von Istanbul und ist in seinen 30ern. Er erz\u00e4hlt, dass er gefl\u00fcchtet sei, weil er als \u201eTerrorist\u201c unter politischer Verfolgung litt \u2013 eine Geschichte, die ich auch von vielen aus der T\u00fcrkei Gefl\u00fcchteten kenne. Die T\u00fcrkei sei der richtige Ort daf\u00fcr gewesen, weil Erdo<\/span><span lang=\"tr-TR\">\u011fan \u2013<\/span><span lang=\"de-DE\"> vor allem er als Person \u2013 ihre Sache in \u00c4gypten unterst\u00fctze. Au\u00dferdem f\u00fchle er sich hier sicherer als in den meisten arabischen L\u00e4ndern, wo die Muslimbr\u00fcder nicht unbedingt gern gesehene Leute sind. \u201eDie T\u00fcrkei ist ein R\u00fcckzugsort f\u00fcr viele arabische Oppositionelle, auch f\u00fcr uns\u201c, sagt er und schiebt nach, dass Erdo<\/span><span lang=\"tr-TR\">\u011fan <\/span><span lang=\"de-DE\">es im Gegensatz zur Muslimbruderschaft richtig gemacht habe. Islamische Ideen seien vorangebracht worden, w\u00e4hrend eine Inklusion breiter Teile der Bev\u00f6lkerung in den politischen Prozess stattgefunden habe. Das gro\u00dfe Problem der Muslimbruderschaft sei es gewesen, dass sie sich nicht mit den Revolution\u00e4ren des 25. Januar 2011 arrangiert h\u00e4tten, sondern in einer Koalition mit den Rechten schnell islamische Institutionen aufbauen wollten, die die Revolution und ihre Prinzipien wie soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie nicht repr\u00e4sentierten. Die Herrschaft Erdo\u011fans sei hingegen keine politisch-islamische: \u201eDie Leute w\u00e4hlen ihn vor allem wegen der Infrastruktur, die er aufgebaut hat. Das h\u00e4tte die Muslimbruderschaft auch tun sollen. Es w\u00e4re intelligenter gewesen, nicht in die Institutionen zu gehen, sondern au\u00dferhalb der Institutionen zu arbeiten. Die Effektivit\u00e4t w\u00e4re viel gr\u00f6\u00dfer gewesen, wenn sie sich f\u00fcr die Gemeinschaft, die Demokratie und die Ver\u00e4nderungsbewegung engagiert h\u00e4tten, da sie ja nur einen kleinen Teil der 90 Millionen \u00c4gypter*innen darstellen.\u201c Ich frage nach, wie die Bruderschaft eigentlich zur G\u00fclen-Bewegung steht. \u201eDie Bruderschaft unterh\u00e4lt keine Beziehungen zu ihr\u201c, antwortet Abdallah. \u201eG\u00fclen ist ein Sufi und eigentlich nicht wirklich politisch, wenn man ihn mit der Bruderschaft vergleicht, obwohl viele Parallelen in der sozialen Praxis bestehen.\u201c Was er aber sagen k\u00f6nne ist, dass G\u00fclen wohl mit dem ehemaligen General und amtierenden Pr\u00e4sidenten \u00c4gyptens, Abd Al-Fattah As-Sisi, zusammenarbeite. Was den Putschversuch angeht glaube er aber nicht, dass die G\u00fclen-Bewegung diesen allein organisiert h\u00e4tte und vermutet dahinter eine gr\u00f6\u00dfere Organisation, wom\u00f6glich Teile der alten b\u00fcrokratischen Elite und des Milit\u00e4rs. Am Abend des Putsches selbst sei er nach Hause gegangen, als er davon erfuhr, was vor sich ging. Es w\u00e4re nicht mehr sicher gewesen als Araber auf der Stra\u00dfe unterwegs zu sein, falls der Putsch gelungen w\u00e4re. \u201eAber zum Gl\u00fcck konnte der Versuch durch die Polizei abgewendet werden.\u201c Die Polizei? Ist es nicht das Volk gewesen, das gek\u00e4mpft hat? \u201eNein, das ist fiktiv. Es ist die Polizei gewesen, die gegen das Milit\u00e4r gek\u00e4mpft und es schlie\u00dflich \u00fcberw\u00e4ltigt hat. H\u00e4tten sie es nicht geschafft, dann st\u00fcnden uns dunkle Tage bevor.\u201c Wieso? \u201eWir w\u00e4ren wohl an Sisi ausgeliefert geworden, so wie es den Tunesiern in den 80ern erging. Dann h\u00e4tten wir unsere Revolution gleich ganz vergessen k\u00f6nnen.\u201c<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3618\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3618\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/13921064_308913766108192_3409270940790326175_n-300x188.jpg\" alt=\"Osmanisches Reich und T\u00fcrkische Republik auf dem Taksim Platz - klar, voll Kontinuit\u00e4t und so.\" width=\"300\" height=\"188\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Osmanisches Reich und T\u00fcrkische Republik auf dem Taksim Platz \u2013 klar, voll Kontinuit\u00e4t und so.<\/figcaption><\/figure>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\">Tulba schaltet sich ein. Er ist zwar kein Mitglied der Muslimbruderschaft, h\u00e4lt es aber \u00e4hnlich wie Abdallah. \u201eJa das stimmt\u201c, sagt er, \u201eDie gesamte Opposition, welcher Art auch immer, h\u00e4tte wohl gro\u00dfe Probleme bekommen, w\u00e4re der Putsch gegl\u00fcckt. Die Interessenlage ist nun mal so. Es ist ein gro\u00dfer Erfolg gewesen, dass Erdo\u011fan seine Macht konsolidiert hat. Einen Milit\u00e4rputsch will niemand.\u201c Abdallah nickt. \u201eDie Justiz wird den Rest \u00fcbernehmen. Jetzt werden die Institutionen ges\u00e4ubert, wie Erdo\u011fan es angek\u00fcndigt hat\u201c, f\u00e4hrt Tulba fort. Deshalb sei auch die Ausrufung des Ausnahmezustandes nachvollziehbar. Beide sind sich einig dar\u00fcber, dass dieser nun gegen Angeh\u00f6rige des Milit\u00e4rs eingesetzt werden muss. \u201eAuch Teile der Medien k\u00f6nnen davon betroffen sein, aber man sollte diese Umst\u00e4nde und die legalen Mittel, die zur Bek\u00e4mpfung der Putschisten bereitstehen, nicht gegen die zivile Bev\u00f6lkerung anwenden\u201c, sagt Abdallah. Und was, wenn es doch geschieht, was man im Hinblick auf andere Konflikte im Land wom\u00f6glich erwarten k\u00f6nnte? Die Antwort bleibt bescheiden: \u201eEs sollte nicht so sein.\u201c Ich frage sie, was sie als Demokraten und Revolution\u00e4re \u00fcber den Konflikt mit den Kurden denken, mit denen sie den Status als Minderheit teilen. Abdallah antwortet: \u201eWir wissen gar nicht so viel \u00fcber die Kurden. Sie sollten einfach in den politischen Prozess integriert und wie alle anderen behandelt werden, wenn sie sich nicht abspalten wollen. Was wir aber wissen ist, dass Sisi sie unterst\u00fctzt und ein B\u00fcro in Kairo errichtet wurde, von wo aus die Zusammenarbeit koordiniert wird.\u201c Das klingt zwar nicht wirklich feindselig, aber f\u00fcr sie kollaborieren die Kurden mit ihrem Feind. Es ist jedenfalls auffallend, dass sie zur \u201eKurdenfrage\u201c nicht wirklich etwas zu sagen haben. Es scheint den beiden nicht bekannt zu sein, dass diejenigen Institutionen in der T\u00fcrkei, die die Inklusionsarbeit leisten sollten, nach Prinzipien organisiert sind, die diese Absicht unterwandern und sie verunm\u00f6glichen. Es wird sp\u00e4t. Die beiden entschuldigen sich und w\u00fcnschen mir eine gute Nacht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3616\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3616\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/7643082-3x2-940x627-300x200.jpg\" alt=\"Der t\u00fcrkische Premier Y\u0131ld\u0131r\u0131m nach dem Putsch so: &quot;Democracy nowwwwww!&quot;\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Der t\u00fcrkische Premier Y\u0131ld\u0131r\u0131m nach dem Putsch so: \u201eDemocracy nowwwwww!\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Am n\u00e4chsten Tag mache ich mich auf, um <\/span><span lang=\"de-DE\">AbdulRahman<\/span><span lang=\"de-DE\"> Yusuf in der N\u00e4he seines Hotels im Stadtteil <\/span><span lang=\"tr-TR\">\u015ei\u015fli <\/span><span lang=\"de-DE\">zu treffen. Er ist Politiker und Poet und war 2004 ma\u00dfgeblich an der Gr\u00fcndung der Kefaya-Bewegung in \u00c4gypten beteiligt, die die Langzeitherrschaft Hosni Mubaraks zum ersten Mal ernsthaft in Frage stellte. Nach dem Putsch 2013 musste <\/span><span lang=\"de-DE\">AbdulRahman<\/span><span lang=\"de-DE\"> als Wahlkampfleiter des liberalen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Mohammad Al-Baradei vor dem neuen Regime fl\u00fcchten. Er konnte sich nach Qatar absetzen, wo er geboren wurde und wo ein Teil seiner Familie noch heute lebt. Mit dem gestrigen Gespr\u00e4ch im Hinterkopf frage ich ihn danach, was er am Abend des Putsches gemacht hat, was er gesehen und wie er sich gef\u00fchlt hat. \u201eAls ich die Nachricht bekam, machte ich mich sofort auf den Weg zum Taksim Platz\u201c, antwortet er wie aus der Kanone geschossen. \u201eIch dachte, dass alles voll mit Milit\u00e4rs sein w\u00fcrde, fand aber mehr Zivilisten als Soldaten vor Ort. Aus den Lautsprechern der Moscheen schallten permanent Aufforderungen zum Kampf und zur Verteidigung der Demokratie, in den Radios und im Fernsehen h\u00f6rte man dasselbe von den Ikonen der T\u00fcrkei. Es war eigentlich wie auf dem Tahrir Platz, damals, als wir uns den \u00e4gyptischen Panzern in Kairo in den Weg gestellt hatten. Ich habe mich als Teil des Widerstandes der T\u00fcrken gef\u00fchlt, ich konnte mich absolut damit identifizieren.\u201c Nun holt <\/span><span lang=\"de-DE\">AbdulRahman<\/span><span lang=\"de-DE\"> aus, um seinen Standpunkt klarzumachen. Mit dem Putsch in \u00c4gypten sei ein neues Kapitel in ihrer Geschichte er\u00f6ffnet worden. Milit\u00e4rputsche seien im Grunde immer dasselbe: partikulare, finanzielle und imperialen Interessen st\u00fcnden hinter der Planung und der Bereitstellung der n\u00f6tigen Infrastruktur. Das Problem sei, dass man als B\u00fcrger nicht ernst genommen und zum Kunden oder Konsumenten degradiert werde: \u201eMan soll passiv bleiben und eben nicht f\u00fcr seine Rechte, f\u00fcr Freiheit und Demokratie k\u00e4mpfen, aber weil man als Demokrat \u00fcberall Demokrat sein muss, betrachte ich den Kampf der T\u00fcrken auch als meinen Kampf und unterst\u00fctze ihn restlos. F\u00fcr die Freiheit, die man mit jedem teilt, z\u00e4hlt es, Widerstand zu leisten\u201c. Es sei kein Zufall, dass sich Erdo\u011fan auf \u00c4gypten berufen habe. Die T\u00fcrken h\u00e4tten die Geschehnisse in \u00c4gypten von 2013 noch klar im Ged\u00e4chtnis und erinnerten sich daran, was auf den Putsch gefolgt war. Erdo\u011fan habe dies nat\u00fcrlich zu seinen Gunsten ausgenutzt, um die Leute zu mobilisieren \u2013 so, wie es jeder gemacht h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">AbdulRahman<\/span><span lang=\"de-DE\"> ist froh dar\u00fcber, dass der Putschversuch abgewendet werden konnte. Er sieht den bevorstehenden Prozess der Umorganisation der Institutionen als Chance f\u00fcr die Demokratie der T\u00fcrkei. \u201eDie Menschen m\u00fcssen jetzt auf ihre Freiheit, auf demokratische Prinzipien und ihre Rechte pochen. In diesem Fall kann es sich zum Guten wenden.\u201c Ich frage ihn, wie es denn genau darum st\u00fcnde, weil sich beispielsweise mit Blick auf die Kurden ja eine andere Tendenz abzeichnet. \u201eMan sollte keine weitere Spaltung bef\u00f6rdern. Wir m\u00fcssen und k\u00f6nnen zusammenleben\u201c, kommentiert er. \u201eWas die Putschisten angeht\u201c, f\u00e4hrt er fort, \u201eso glaube ich, dass das t\u00fcrkische Justizsystem relativ unabh\u00e4ngig ist, darauf vertraue ich.\u201c Darauf schrecke ich kurz zusammen und wundere mich \u00fcber diese Wahrnehmung. \u201eIn \u00c4gypten ist die Justiz derart korrupt, dass sie einfach als Herrschaftsmittel des Regimes betrachtet werden muss, das sich an kein einziges demokratisches Prinzip h\u00e4lt. Heute wurden von der t\u00fcrkischen Justiz 1200 der vielen festgenommenen Soldaten wieder freigelassen. Das ist zumindest mal ein gutes Zeichen.\u201c Ein Zeichen jedoch, dass weniger etwas \u00fcber das t\u00fcrkische Justizsystem als \u00fcber die kurzfristige hegemoniale Strategie der AKP verr\u00e4t, wie mir scheint. F\u00fcr die \u00c4gypter habe es nicht geklappt, aber mit Blick auf die T\u00fcrkei habe <\/span><span lang=\"de-DE\">AbdulRahman<\/span><span lang=\"de-DE\"> Vertrauen in die unteren Klassen, die als Mehrheit ihre Interessen wahrnehmen und die Demokratie in die richtige Richtung schieben w\u00fcrden. Ob das wirklich der Fall sein wird, bleibe abzuwarten. Ich bedanke mich bei ihm und ziehe weiter in Richtung Taksim.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Ein syrischer Standpunkt<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_3622\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3622\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/thumbs_b_c_3c2b8a7c792fa1c19ebee62bd723899b-300x169.jpg\" alt=\"Demokrat des Jahrmillions: Kingpin Recep Tayyip Erdo\u011fan.\" width=\"300\" height=\"169\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Demokratieheld des Jahrmillions: Kingpin Recep Tayyip Erdo\u011fan.<\/figcaption><\/figure>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\">Am Abend treffe ich einige Freunde. Sie stellen mir Renaz vor, einen Syrer, der seit drei Jahren in der T\u00fcrkei lebt. Er erz\u00e4hlt mir, dass er die erste Zeit in Hatay gelebt hat \u2013 also auf dem Gebiet, das sich die T\u00fcrkei 1939 von Syrien einverleibte \u2013 bevor er nach Istanbul gekommen ist. Wir fangen an, \u00fcber den Putsch zu sprechen. \u201eWir haben mit einigen Freunden Bier getrunken und uns unterhalten. Als die Geschehnisse sich \u00fcberschlugen, wurde es beunruhigend. Die Soldaten besetzten den Taksim Platz und die meisten L\u00e4den schlossen ihre T\u00fcren. Wir versuchten erst zu verstehen, was vor sich ging. Pl\u00f6tzlich brach Panik aus, die auch mich ergriff. Es war eine dumme Reaktion, aber unter diesen Umst\u00e4nden nachvollziehbar. Deswegen bin ich schnell nach Hause gegangen und habe mir die Geschichte der Putsche in der T\u00fcrkei angeschaut.\u201c Renaz erz\u00e4hlt weiter, dass er sich nicht sofort entschieden habe, wie er dazu stehe und noch abwarten wollte, was die Konsequenzen seien. Das Wichtige sei aus seiner Sicht, den T\u00fcrken zu zeigen, dass die Syrer normale Leute seien und sich nicht in das Schicksal der T\u00fcrkei einmischten. Am besten ginge das, wenn er Bescheid wisse und mit den T\u00fcrken dar\u00fcber rede, w\u00e4hrend er eine gewisse Distanz zu Erdo\u011fan und seiner Verstrickung in den syrischen Konflikt wahre. Mittlerweile betrachte er den Putschversuch als eine der vielen globalen Krisen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\">Renaz\u2018 Situation scheint eine viel schwierigere zu sein. Die vielen Konflikte, die seit geraumer Zeit immer wieder zwischen der t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung und den syrischen Fl\u00fcchtenden aufbrechen, dr\u00e4ngen ihn in eine ohnm\u00e4chtigere Lage, auf die er bedacht und meist pragmatisch reagiert. \u201eEigentlich f\u00fchle ich mich sicher und unsere Lebensumst\u00e4nde sind relativ gut, aber ich wei\u00df nicht, was passiert w\u00e4re, h\u00e4tten die Soldaten die Regierung gest\u00fcrzt. Mit Sicherheit jedoch h\u00e4tten sie uns benutzt, wie immer. Es kommt jetzt darauf an, ob der Putschversuch die T\u00fcrken ma\u00dfgeblich beeinflusst. Ist das der Fall, dann werden wir als Syrer die Konsequenzen auch zu sp\u00fcren bekommen. Sollte das nicht der Fall sein, wird es uns auch nicht weiter betreffen.\u201c Mit dieser Unsicherheit schlie\u00dfen wir unser Gespr\u00e4ch und beenden den Tag. Auf dem Nachhauseweg pr\u00e4sentiert sich mir zum Abschluss der fast zur Normalit\u00e4t gewordene Karneval.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201e<b><span lang=\"de-DE\">Wir kennen das alles aus \u00c4gypten, es war nichts neues f\u00fcr mich.\u201c<\/span><\/b><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span lang=\"de-DE\">Meine letzte Begegnung ist eine zuf\u00e4llige. Kurz vor meiner Abreise treffe ich Monzer Elsayed, der mir erz\u00e4hlt, dass er bis vor kurzem f\u00fcr die Koordination und \u00d6ffentlichkeitsarbeit der \u00e4gyptischen Jugendbewegung des 6. April in Europa zust\u00e4ndig gewesen sei. Davor sei er an der Gr\u00fcndung der Al-Ghad-Partei beteiligt gewesen und habe Ayman Nour unterst\u00fctzt, den ersten Kandidaten, der 2005 neben Hosni Mubarak offiziell zur Wahl des Pr\u00e4sidenten stand. Nach dem Putsch in \u00c4gypten 2013 habe es auch f\u00fcr ihn keine Perspektive mehr gegeben, weil er unter Verfolgung gelitten habe. Dass er einen Putsch in der T\u00fcrkei miterlebe, h\u00e4tte er sich nicht vorstellen k\u00f6nnen. \u201eAls ich die ersten Bilder des Putschversuches im Fernsehen sah, wollte ich gleich nach Taksim, aber der Verkehr war gesperrt. Am Himmel schwebte ein Helikopter, den ich zu verfolgen begann. Schlie\u00dflich erreichte ich das <\/span><span lang=\"de-DE\"><i>CNN-T\u00fcrk<\/i><\/span><span lang=\"de-DE\"> Geb\u00e4ude, wo auch der Sitz der Zeitung <\/span><span lang=\"de-DE\"><i>H\u00fcrriyet<\/i><\/span><span lang=\"de-DE\"> ist. Mir war klar, worum es ging. Das Milit\u00e4r wollte die Kontrolle \u00fcber die Medien \u00fcbernehmen. Es waren auch sehr viele Polizisten vor Ort, was wahrscheinlich der Grund daf\u00fcr war, dass pl\u00f6tzlich Sch\u00fcsse aus dem Helikopter fielen. Alle schmissen sich auf den Boden.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Monzer<\/span><span lang=\"de-DE\"> scheint nicht wirklich erschrocken zu sein, er erz\u00e4hlt noch ganz entspannt von einigen Panzern und sonstigen Schie\u00dfereien. Nebenbei bietet er mir an, mich an den Flughafen zu fahren, was ich gerne in Anspruch nehme. Er erz\u00e4hlt weiter: \u201eWir kennen das alles aus \u00c4gypten, es war nichts Neues f\u00fcr mich.\u201c In Mahmutbey, wo er wohnt, habe er viele mit Handfeuerwaffen, aber auch Gewehren bewaffnete Zivilisten beobachtet, die mit der Polizei zusammenzuarbeiten schienen. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\">Er sei froh, dass der Putschversuch nicht gl\u00fcckte: \u201eIch bin gegen jede Art von Milit\u00e4rherrschaft, egal wo\u201c, sagt er. \u201eErdo\u011fan ist ein erfolgreicher Staatsmann, das haben wir jetzt wieder gesehen. Die meisten politischen Islamisten, die ich kenne, portr\u00e4tieren ihn als neuen Kalifen, als F\u00fchrer der islamischen Nation, was ihm nat\u00fcrlich gut gef\u00e4llt und weshalb er sie auch unterst\u00fctzt. Wenn Donald Trump in den USA zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wird, dann wird sich das auch weiter verst\u00e4rken.\u201c Monzer denkt, dass Erdo\u011fan seine Herrschaft weiter ausbauen wird. Ihn w\u00fcrde das jedoch nicht unmittelbar betreffen, was man von anderen Gruppen nicht behaupten k\u00f6nne. \u201e\u00dcber die Kurden wissen die meisten Araber nichts, au\u00dfer dass sie eine Gefahr darstellen und dass sie schlechte Leute sind. So sieht jedenfalls ihr Bild in den meisten Medien aus\u201c, sagt er nicht ohne Bedr\u00fcckung, die ich mit ihm teile. Schlie\u00dflich setzt er mich am Flughafen ab und w\u00fcnscht mir eine gute Reise.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><b><span lang=\"de-DE\">Die Illusion der demokratischen AKP und was uns der Arabische Fr\u00fchling gelehrt hat<\/span><\/b><\/p>\n<figure id=\"attachment_3620\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3620\" src=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/files\/2016\/08\/1043101615-300x160.jpg\" alt=\"Mit AKP und Gegenputsch unterwegs zur Polizei-Demokratie.\" width=\"300\" height=\"160\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Mit AKP und Gegenputsch unterwegs zur Polizei-Demokratie.<\/figcaption><\/figure>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\">Der bleibende Eindruck ist vor allem der, dass alle gegen einen Milit\u00e4rputsch sind und im Hinblick auf die weiteren Entwicklungen in der T\u00fcrkei eine relativ optimistische und legalistische Sicht der Dinge haben. Das Problem ist nur, dass sich fast alle meine Gespr\u00e4chspartner innerhalb eines Gegensatzes verorten, der falsch ist. Die t\u00fcrkische AKP-Regierung nimmt eine Umgestaltung der Staatsorgane und Institutionen nicht deshalb vor, weil sie an \u201amehr Demokratie\u2018 interessiert ist, sondern um die Kontrolle \u00fcber den Zwangsapparat zu steigern, den sie \u2013 wie sie schon oft genug bewiesen haben \u2013 im Zweifelsfall auch selbst zum Einsatz bringen wird. Die legitimatorische Basis daf\u00fcr bezieht sie aus der Figur des \u201aVolkes\u2018, die sie als Helden stilisiert und mit der sich die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Anzahl an Menschen in der T\u00fcrkei identifizieren soll und kann \u2013 deshalb wohl das relativ reibungslose und sehr wahrscheinlich zeitlich begrenzte Miteinander der verschiedenen Symbole und Parolen. Wer wirklich herrscht wird sich (wieder) zeigen, sobald dieses Miteinander sein Ende findet.<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Es k\u00f6nnen sich erst dann optimistischere Perspektiven auftun, wenn man aus dem falschen, legalen Gegensatz von pro-Putsch und contra-Putsch ausbricht und sich eben genau darauf besinnt, dass der Kampf weitestgehend \u00fcberall derselbe ist. Nur unter diesen Umst\u00e4nden wird die M\u00f6glichkeit entstehen, einen gemeinsamen Kampf im Mittleren Osten zu f\u00fchren, der bitter n\u00f6tig ist. Eine demokratische L\u00f6sung kann, wie es aussieht, nicht ausschlie\u00dflich auf der Ebene von Nationalstaaten gefunden werden \u2013 das hat der \u201aArabische Fr\u00fchling\u2018 eindrucksvoll demonstriert.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbernommen von Lower Class Magazine &#8211; Evrim Mu\u015ftu Eine gute Geschichte braucht viel Spannung, die ein Anti-Held erzeugt und vom Helden mutig angegangen und schlie\u00dflich gel\u00f6st wird. 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