{"id":2399,"date":"2022-05-15T20:21:26","date_gmt":"2022-05-15T20:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/?page_id=2399"},"modified":"2022-05-15T20:24:47","modified_gmt":"2022-05-15T20:24:47","slug":"der-einseitige-mensch-podcast-von-fionn-stacey","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/der-einseitige-mensch-podcast-von-fionn-stacey\/","title":{"rendered":"&#8222;Der einseitige Mensch&#8220; Podcast von Fionn Stacey"},"content":{"rendered":"\n<p>Du gondelst durch die Zeit. Langsam, aber sicher. Oder besser: sicher, aber langsam. Du wei\u00dft, was zu tun w\u00e4re, aber du tust es nicht. Andere sind da eifriger. Entwerfen Pl\u00e4ne, analysieren, vermessen, kategorisieren jedes weltliche Ph\u00e4nomen. Arbeiten 12 Stunden im B\u00fcro, plus zwei Stunden im Zug.  Akkumulieren, akquirieren, investieren, regulieren, balancieren. Du schiebst dir ne Tiefk\u00fchlpizza rein, im Fernsehen ver\u00e4ndert sich die Welt. Alles wird durchg\u00e4ngig neu erfunden und dekonstruiert. In den Jahrzehnten, die du statistisch gesehen noch leben wirst, kannst du wie ein Beobachter zusehen, wie die Erde komplett umgepfl\u00fcgt, ausgemistet und mehrere tausend Male hintereinander an der B\u00f6rse verkauft wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machst du? Du joggst, du isst, du f\u00e4hrst Bahn, dir reist die Lidl Tasche. Ein ganz sch\u00f6n unbedeutendes Kn\u00e4uel kleiner Widerspr\u00fcche. Sinnlos, wie die Religion und f\u00fcr die Politiker eine Masse, die man kneten  und verarbeiten kann, wie man sie gerade braucht. In der \u00d6konomie bist du so unwichtig, dass man dich sogar auf eine blo\u00dfe Zahl reduziert. Was soll das? Bist du nicht der stolze Homosapiens, der seit mehr als zehntausend Jahren gangnam style auf der B\u00fchne der Weltgeschichte tanzt? Du hast immerhin Tiere ausgerottet, Feuer gelegt und die Erde umrundet. Warum behandelt man dich also nicht als Helden? Wir identifizieren uns gerne mit den Errungenschaften der Menschheit, aber wir sind eben leider nicht der stolze Homosapiens, dem Respekt f\u00fcr Innovation und Kreativit\u00e4t geb\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Kollegen, der das Feuer erfunden hat und Mongoliden errichtete, unterscheidet etwas Entscheidendes von dir und mir. Dieser m\u00e4chtige Mensch war Sch\u00f6pfer seiner eigenen Welt. Er manifestierte seinen Geist direkt durch seine eigenen Handlungen. Umgekehrt verarbeitete er seine Handlungen unmittelbar auch durch seinen Geist. Einen Widerspruch zwischen Geistigem und Praktischem gab es f\u00fcr solche Menschen nicht. Idee und Umsetzung, Fantasie und Realit\u00e4t, lagen nat\u00fcrlicherweise zusammen. Aber all das \u00e4nderte sich mit der Arbeitsteilung. Sie gruppiert Menschen wie Zahnr\u00e4der einer Maschine. Unsere Gesellschaft verf\u00fcgt \u00fcber ein Gehirn von Politikern und Intellektuellen, ein Nervensystem der unterschiedlichsten Kommunikationsmittel, einer eigenen Schublade f\u00fcr Kreativit\u00e4t namens Kunst und dicke, schwere Arme und Beine, die ihre Arbeit wie automatisch auf Befehl des Hirns verrichten. Es gibt Menschen, die auf Zahlen abgerichtet sind. Menschen, die auf Sex abgerichtet sind. Andere machen ihr ganzes Leben nur Autos oder Bonbons oder Waffen. Dar\u00fcber stehen eine Vielzahl von Menschen, die st\u00e4ndig nur planen und denken, ohne je selbst Pl\u00e4ne und Gedanken zu verwirklichen. Diese Arbeitsteilung f\u00fchrt zu mehreren Problemen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens: Arbeiter vereinseitigen. Die geistigen F\u00e4higkeiten eines Handarbeiters verk\u00fcmmern und vice versa beim Kopfarbeiter. Ein Kopfarbeiter muss, zumindest w\u00e4hrend der Arbeitszeit, seine geistigen F\u00e4higkeiten \u00fcberstrapazieren und die k\u00f6rperlichen Impulse unterdr\u00fccken. Die Arbeitsteilung erzeugt also notwendigerweise Unterdr\u00fcckung. Entweder, die Individuen bringen eine erhebliche Selbstdisziplin auf und strapazieren und unterdr\u00fccken sich selbst, oder die Leiter der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation setzen diese Disziplin gegen den Willen der Arbeiter durch. Dies wurde geschichtlich zun\u00e4chst von der Sklaverei, dann durch das Feudalsystem und schlie\u00dflich durch den Zwang zum Geld verdienen im Kapitalismus \u00fcbernommen. Die Arbeitsteilung ben\u00f6tigt psychische und gesellschaftliche Strukturen, die also den einzelnen konkreten Menschen mit F\u00fc\u00dfen treten f\u00fcr ein gro\u00dfes Ganzes, indem irgendwie niemand so richtig gl\u00fccklich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens: Die Notwendigkeiten der Arbeit bilden eine gute Grundlage f\u00fcr sinnvolle, moralische Prinzipien. In der Arbeitsteilung aber ist diese Moral logischerweise gegen den Einzelnen gerichtet. Hinzu kommt, dass die Arbeitsteilung die Moral aufspalten muss. Ein Schreiner hat andere &#8222;Musts and Don&#8217;ts&#8220; f\u00fcr seine Arbeit wie ein Schauspieler. W\u00e4hrend f\u00fcr den Schreiner fr\u00fches Aufstehen zu einem Grundsatz werden k\u00f6nnte, w\u00fcrde ein Schauspieler vielleicht Empathie zu einem wichtigen Leitsatz erheben. Die Arbeitsteilung zersplittert die gesellschaftliche Einheit also nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch moralisch. Dabei geht oft beides Hand in Hand. Den Finanzantrag f\u00fcr einen Workshop \u00fcber Empathie w\u00fcrde mancher Schreiner ablehnen, weil &#8222;die eh nichts Rechts schaffen&#8220;. Schon haben wir einen handfesten Streit um Geld, gef\u00fchrt mit moralischen Argumenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens: Die arbeitsteilige Gesellschaft ben\u00f6tigt die produktive Einheit all der konkurrierenden Individuen und Gruppen. Sie muss einen Apparat bauen, der im Gegensatz zu den entfremdeten Menschen die Gesellschaft aus der Vogelperspektive betrachtet und die unterschiedlichen Interessen vereinen kann. Hier diktiert die Herrschaft jedem Lebensbereich unabh\u00e4ngig von den vorherrschenden Arbeitsnotwendigkeiten zentrale Normen, Werte und Gesetze. Der Mensch, der sich als Individuum in der arbeitsteiligen Maschine verloren hat, verliert sich als entfremdetes Individuum erneut in den abstrakten Welten der zentralen, gesellschaflichen Institutionen. An dieser Stelle gibt es f\u00fcr den Arbeiter scheinbar keine L\u00f6sung mehr. Seine Arbeit selbst ist sein gr\u00f6\u00dfter Feind geworden, aber bitterste Notwendigkeit. Und auch, wenn er diesen Widerspruch \u00fcberwindet, indem er die Identit\u00e4t des Schreiner, Schauspielers, Soldaten, seinen eigenen wirklichen Empfindungen \u00fcberst\u00fclpt, findet er in der zentralen, gesellschaftlichen Moral seinen n\u00e4chsten unbesiegbaren Widersacher, denn diese Moral ist unumg\u00e4nglich durch die Zersplitterung, die der Arbeiter sich zur Identit\u00e4t gemacht hat und der zersplitterte Arbeiter wird der Maschine niemals \u00fcberlegen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben heute einen Punkt erreicht, an dem all dies immer unn\u00f6tiger wird. Eine radikale Arbeitszeitverk\u00fcrzung und vielf\u00e4ltiges Arbeiten sind l\u00e4ngst technologisch m\u00f6glich. Wof\u00fcr eine mega effiziente Arbeitsteilung, um dann f\u00fcr die M\u00fcllhalde zu produzieren? Wir m\u00fcssen nicht effizient um jeden Preis sein. Wir k\u00f6nnten die Daumenschrauben der Arbeitsteilung erheblich lockern. Statt in einen Beruf gesteckt zu werden, k\u00f6nnten Menschen ihr Leben lang lernen. Berufswelten w\u00fcrden sich verkn\u00fcpfen und Horizonte erweitern. Man k\u00f6nnte au\u00dferdem jedem Individuum die Zeit geben, seine individuellen Projekte, die man heute manchmal Hobbys nennt, zu verfolgen, die nicht selten der Gesellschaft auf geniale Art und Weise zugute kommen k\u00f6nnte. Die normalen Menschen h\u00e4tten endlich die M\u00f6glichkeit, sich politisch ausreichend zu bilden und so k\u00f6nnte eine lebhafte Demokratie entstehen. Alles, was man uns geben muss, ist Zeit. Und wir brauchen diese Zeit jetzt! Ich pers\u00f6nlich habe n\u00e4mlich etwas ganz anderes vor, als mich ein Leben lang von einem sogenannten Beruf entfremden zu lassen. Ich will arbeiten. Diszipliniert und frei, individuell und kollektiv, praktisch und geistig, kreativ und pr\u00e4zise. Denn all diese Begriffe sind keine Widerspr\u00fcche. Wir denken nur, dem w\u00e4re so, weil man uns verboten hat, beides gleichzeitig zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/\">Zur\u00fcck zur Startseite <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du gondelst durch die Zeit. Langsam, aber sicher. Oder besser: sicher, aber langsam. Du wei\u00dft, was zu tun w\u00e4re, aber du tust es nicht. Andere sind da eifriger. 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