{"id":1064,"date":"2015-10-28T13:00:33","date_gmt":"2015-10-28T13:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/?p=1064"},"modified":"2015-10-28T13:00:33","modified_gmt":"2015-10-28T13:00:33","slug":"gefluchteten-eine-stimme-geben-interview-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/2015\/10\/28\/gefluchteten-eine-stimme-geben-interview-teil-1\/","title":{"rendered":"Gefl\u00fcchteten eine Stimme geben &#8211; Interview Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><strong>Merdin (Name ge\u00e4ndert) 35 Jahre, kommt aus einem Dorf nahe der Stadt Aleppo in Syrien und kam im Januar, nach 2 \u00bd Jahren Flucht, zusammen mit ihrer Tochter in Deutschland an. Wir haben sie \u00fcber ihre Flucht befragt:<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Was hat dich dazu gebracht zu sagen, jetzt verlasse ich meine Heimat?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war schwanger, als der Krieg in Syrien ausbrach. Mein Mann und ich beschlossen dann im Sommer 2012, als der Krieg in unser Dorf kam, dass wir Syrien in Richtung T\u00fcrkei verlassen m\u00fcssen. Immer wieder erhielten wir Nachrichten, dass die islamistischen Brigaden und Teile der FSA Kurden und Aleviten hinrichten, indem sie ihnen die K\u00f6pfe abschlagen. Als wir die t\u00fcrkische Grenze \u00fcberquerten, wohnten wir zusammen mit meinen Eltern in einem kleinen Haus, welches wir uns angemietet hatten. Meine Eltern aber hatten ein Visa f\u00fcr Saudi-Arabien und zogen deshalb bald weiter. Anfang 2013 kam dann meine kleine Tochter auf die Welt und ich wurde krank. Die Operation war aber in der T\u00fcrkei viel zu teuer, weshalb ich zur\u00fcck nach Syrien, nach Afrin wollte. An der Grenze gab es Probleme mit den t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften, die mich nicht r\u00fcber lassen wollten. Schlie\u00dflich bin ich \u00fcber die gr\u00fcne Grenze (illegaler Grenz\u00fcbertritt). In Afrin wurde ich operiert, allerdings schlug diese fehl. Man hat festgestellt, dass ich Gallensteine hatte. Nach 10 Tagen Krankenhausaufenthalt, schleppte ich mich zusammen mit meiner Familie zur\u00fcck an die Grenze. Dort wollten uns die t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4fte aber nicht r\u00fcber lassen. Wieder musste wir bei Nacht die Grenze illegal \u00fcberqueren. Wir hatte im Gegensatz zu anderen Gl\u00fcck. Diejenigen die erwischt wurden, wurden erschossen oder gefoltert. In der T\u00fcrkei mussten wir dann zusammen mit anderen Menschen in einer Garage schlafen. Ich bin dann mit meinem Mann und meiner Tochter weiter nach Istanbul. Unsere letzten Ersparnisse haben wir f\u00fcr die Miete einer Wohnung zusammengekratzt, in der wir 6 Monate wohnten. Auf dem Rathaus hat man mir nach langem betteln und flehen einen Schein ausgestellt, mit dem ich im Krankenhaus meine Operation wiederholen lassen konnte. Der Arzt meinte, dass ich sterben w\u00fcrde, wenn diese OP nun nochmal schief gehen sollte. 1 \u00bd Monate musste ich im Krankenhaus liegen. Nachdem ich die N\u00e4hte \u00f6ffnen lassen habe, ist mein Mann zur\u00fcck nach Syrien gegangen und hat mich und meine Tochter zur\u00fcck gelassen. Ich hatte kein Geld, aber wollte unbedingt meiner Tochter ein besseres Leben erm\u00f6glichen und so beschloss ich die Flucht nach Europa zu wagen. Mein Vater schickte mir Geld, damit ich die Flucht finanzieren konnte. Ich habe dann im Januar 2014 ein Gruppe Kurden getroffen, die ebenfalls nach Griechenland wollten. Ich bezahlte 2500\u20ac f\u00fcr mich und 1750\u20ac f\u00fcr meine Tochter. Wir wurden dann zusammen mit Afghanen, Syrern und Kurden ans Meer gebracht zu einem Schlauchboot, auf dem normalerweise 5 Personen Platz haben. Wir aber waren 15 Personen. Zudem mussten wir paddeln, da es kein Motor gab. Der Schleuser hat uns kurz erkl\u00e4rt in welche Richtung wir fahren m\u00fcssen und hat uns dann allein gelassen. Wir sind Stunden auf dem Meer getrieben und auf dem Boot kam es zu Streitereien, da keiner wirklich wusste wo man lang fahren muss.<\/p>\n<p>Irgendwann nach 1 \u00bd Tagen haben wir es dann doch geschafft und wir kamen in Griechenland an. Dort mussten wir eine gro\u00dfe Felswand empor klettern, immer meine Tochter auf dem R\u00fccken gespannt. Es ging weiter durch matschige Wiesen, bis wir irgendwann mitten in der Nacht an eine Stra\u00dfe kamen. Ein Afghane, der ebenfalls mit uns das Meer \u00fcberquert hatte und einen \u00dcberblick hatte, sagte, dass wir uns nun bei der Polizei melden m\u00fcssten. Ein paar Meter weiter wartete diese schon vermummt und bewaffnet auf uns. Sie beschlagnahmten unsere Handys, zerst\u00f6rten die Simkarten und Akkus und verpr\u00fcgelten den Afghanen, sowie einen Kurden. Sie schlugen sie mit Kn\u00fcppeln und klemmten ihre K\u00f6pfe zwischen eine Autot\u00fcr, die sie immer wieder zuschlugen. Die ganze Gruppe weinte, bei dieser Grausamkeit.<\/p>\n<p>Nachdem die beiden M\u00e4nner bewusstlos waren, brachte man uns in einen Bus und fuhr uns zu einer Polizeistation. Dort waren wir in einem kleinen Raum untergebracht. Ich war zusammen mit 13 M\u00e4nnern in diesem Raum. Die Decken, das Klo und der Boden waren total verschmutzt. Ich flehte die W\u00e4rter an, mir etwas Milch f\u00fcr mein Kind zu bringen, doch diese bekam ich nur gegen Geld und weil ich 4h gebettelt habe.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag um 10 Uhr Abends wurden wir zusammen mit ca. 60 anderen Personen zur\u00fcck an den Ort gefahren, an dem wir aufgegriffen wurden. Wir mussten zum Strand laufen und in ein Motorboot einsteigen, welches von Frontex war. Dann brachten sie uns zur\u00fcck in die T\u00fcrkei. Auf dem Weg dorthin beleidigten und schlugen uns die Polizisten. Ich habe dort auch die deutsche Polizei gesehen.<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei angekommen mussten wir wieder ein paar Stunden zu einem Dorf laufen. Dort riefen wir die Polizei, welche uns f\u00fcr 50\u20ac nach Istanbul schickte. In Istanbul habe ich mit meiner Tochter ein paar Wochen bei meinen ehemaligen Nachbarn gewohnt, da meine Wohnung mittlerweile wieder vermietet war. Schlie\u00dflich traf ich aber einen Schlepper, der mich f\u00fcr 500\u20ac \u00fcber die Grenze nach Bulgarien bringen konnte. Dort angekommen stellte ich einen Asylantrag und kam in eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft. Doch die Bedingungen dort waren katastrophal. Das Essen war schlecht und viel zu wenig, alles war dreckig und die medizinische Versorgung praktisch nicht vorhanden. Ich musste aufgrund meiner OP zur medizinischen Behandlung. Die \u00c4rzte waren so inkompetent, dass sie nicht einmal meine Venen fanden, um mir die Infusion zu legen. Nach ein paar Stunden im Krankenhaus, gaben sie mir die Infusion und meinten, ich k\u00f6nne diese auch trinken. In der Unterkunft trank ich dann ein bisschen davon, da es mir schlecht ging. Doch von der Infusion wurde mir noch schlechter und ich wurde richtig krank. Nach 7 Monaten beschloss ich dann, dass es in Bulgarien keine Zukunft f\u00fcr mich gibt und ich bezahlte einen Fahrer mit 100\u20ac, der mich und meinte Tochter, zusammen mit 7 weiteren Personen nach Deutschland brachte.<\/p>\n<p><strong>Welche Erwartungen hast du jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich will mir Ziele setzen. Ich will arbeiten und mir, sowie meinem Kind eine Zukunft aufbauen. Damit sie wie andere Kinder zu Schule gehen und wie andere Kinder in Frieden leben kann. Ich hoffe, dass dieser Alptraum nun endlich ein Ende hat.<\/p>\n<p><strong>Willst du irgendwann wieder einmal zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne wieder zur\u00fcck in meine Heimat, sofern der Krieg zu Ende ist und man in Syrien wieder eine Perspektive hat. Doch derzeit stehen die Chancen daf\u00fcr schlecht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Merdin (Name ge\u00e4ndert) 35 Jahre, kommt aus einem Dorf nahe der Stadt Aleppo in Syrien und kam im Januar, nach 2 \u00bd Jahren Flucht, zusammen mit ihrer Tochter in Deutschland an. 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