{"id":1221,"date":"2017-05-23T09:39:28","date_gmt":"2017-05-23T09:39:28","guid":{"rendered":"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/?p=1221"},"modified":"2017-05-23T09:43:09","modified_gmt":"2017-05-23T09:43:09","slug":"die-arbeitskraftmaschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/2017\/05\/23\/die-arbeitskraftmaschine\/","title":{"rendered":"Die Arbeitskraftmaschine"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><a href=\"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/stress.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1223 alignright\" src=\"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/stress.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"220\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-size: large\">Es ist Krisengespr\u00e4ch in meinem Ausbildungsbetrieb. Die Produktion l\u00e4uft zu uneffizient bzw. ist aufgrund von mangelnder Eigeninitiative geradezu eingeschlafen. Unterschiedliche Zwangsma\u00dfnahmen werden angedroht. Die Azubis haben kein Vertrauen untereinander, sind alle samt Individualisten und sich selbst am n\u00e4chsten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\n<p style=\"text-align: right\">\n<p style=\"text-align: right\">\n<p style=\"text-align: right\"><em>(Karrikatur von Jean Pierre Gallot \/ Quelle: Flickr)<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Man beginnt \u00fcber die Fehler der anderen Azubis zu klagen. Eine Kollegin tritt vor: &#8222;Der X ist einfach bei jedem Schei\u00df krank. Warum macht der die Ausbildung \u00fcberhaupt? Ich racker mich hier ab! Ich schleppe mich mit jeder noch so schlimmen Krankheit in den Betrieb! Diese Ausbildung ist mein Leben! Ich blute f\u00fcr sie, w\u00e4hrend andere sich einen Lenz machen.&#8220;<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Bed\u00e4chtiges Kopfnicken in der Runde \u2013 allseitige Zustimmung. Tats\u00e4chlich war die Kollegin schon mehrmals wochenlang mit diversen Medikamenten bepackt im Betrieb aufgetaucht und hatte sich klagend und seufzend durch den Tag geschleppt. Tats\u00e4chlich waren ihre letzten S\u00e4tze nicht einfach nur Eigenwerbung. Sie hatte nichts au\u00dfer der Ausbildung. Nicht etwa weil sie keine Freunde, keine Familie und keine Hobbys h\u00e4tte. Aber sie hatte keine andere Zukunft. ihre einzige realistische M\u00f6glichkeit auf dem Arbeitsmarkt sp\u00e4ter noch zu was zu kommen war diese Ausbildung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Hollywood-Drehbuchautoren w\u00fcrden diese Geschichte lieben: Die Frau, die sich nicht unterkriegen l\u00e4sst, an ihre Tr\u00e4ume glaubt und sich eine Zukunft in der wunderbaren Welt des freien Marktes erk\u00e4mpft&#8230;.so erscheint diese Geschichte durch die neoliberale Brille&#8230;.auch bei meinen Kollegen aktivierte dieses Drama die schlechtesten Teile ihres anerzogenen Wertekorsetts. Ich fand es einfach nur traurig. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Das wir alle im Kapitalismus vom Arbeitsmarkt und der dort herrschenden Konkurrenz abh\u00e4ngen, sollte man wissen, ist aber heute nicht weiter schockierend. Geschockt bin ich immer wieder von den zunehmend inhumanen Mitteln, die in der Konkurrenz eingesetzt werden (m\u00fcssen). <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Im Weltma\u00dfstab bspw. k\u00e4mpfen in Ungarn Teile der j\u00fcngeren Bev\u00f6lkerung gegen die &#8222;faulen Rentner&#8220; oder Leute lassen lieber die Refugees im Mittelmeer ersaufen als etwas vom nationalen (imperialistischen) Einkommen auf Integration zu verwenden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Im Kleinen sind es eben diese Geschichten, die mich schockieren. Menschen ruinieren ihre Gesundheit f\u00fcr die Konkurrenz und sind darauf auch noch stolz. Sie verlieren jeden Respekt vor sich selbst als Menschen und ersetzen diesen mit ihren &#8222;Leistungen&#8220;. Wenn eine Person nichts f\u00fcrs Kapital leistet, ist sie in dieser Logik auch nichts wert. <\/span><\/p>\n<p><!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } --><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Kapital beruht aber auf dem Profit. Aus den Arbeitskr\u00e4ften soll Profit geschlagen werden und darum werden sie auch immer mehr Wert produzieren m\u00fcssen, als sie selber direkt oder indirekt von der Gesellschaft zur\u00fcckbekommen.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/Labour-Share.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1222 alignleft\" src=\"http:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/Labour-Share-300x250.png\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/Labour-Share-300x250.png 300w, https:\/\/linksjugend-solid-bw.de\/ortenau\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/Labour-Share.png 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } --><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\"><i>Diese Statistik zeigt wie die Arbeiter immer mehr produzieren aber nur einen Bruchteil davon kriegen. (obere Linie= Arbeitsproduktivit\u00e4t; untere Linie= L\u00f6hne)<br \/>\n<\/i><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } --><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Das schl\u00e4gt sich nat\u00fcrlich auch im Alltag nieder. Wir haben immer irgendwie zu wenig Mittel um unsere Arbeitsm\u00fchen zu kompensieren. Kurz gesagt: Wir leben immer ein bisschen mehr <i>f\u00fcr<\/i> die Arbeit, als wir <i>von<\/i> der Arbeit leben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Wenn wir dieses Dilemma individuell l\u00f6sen wollen, gibt es eine naheliegende M\u00f6glichkeit: Wir m\u00fcssen besser wirtschaften. Wir m\u00fcssen mit unseren Lebensmitteln (hier im weitesten Sinne) m\u00f6glichst effizient umgehen, dass sie trotzdem irgendwie die M\u00fchen kompensieren. Jedes St\u00fcck Freizeit muss sich in diesem Sinne &#8222;lohnen&#8220;. Jeder gekaufte Cafe der nicht schmeckt, ist eine kleine Niederlage und ein gescheiterter Urlaub eine Katastrophe. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Es entsteht ein Bewusstsein von unserem K\u00f6rper als Maschinenraum, als Ressource die wir f\u00fcr einen au\u00dfenstehenden bzw. entgegengesetzten Zweck verwenden. Wir sind nicht mehr eins mit unseren Impulsen, Gef\u00fchlen und Bed\u00fcrfnissen, sondern wir f\u00fcttern sie, \u00fcberwachen sie, unterdr\u00fccken sie und planen sie ein. Wir versuchen m\u00f6glichst schlau mit unserer Maschine zu haushalten, wir versuchen sie m\u00f6glichst effizient einzusetzen und abzuspeisen. <\/span><\/p>\n<p><!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } --><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Das Dilemma der Profitwirtschaft l\u00e4sst sich aber individuell nicht l\u00f6sen, sondern nur aufschieben und umso mehr der Kapitalismus die Konkurrenz versch\u00e4ft, umso mehr er uns in prek\u00e4re Jobs treibt und gegeneinander ausspielt um so mehr reagieren wir auf dieses Dilemma hilflos, panisch und hysterisch. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Bildlich gesprochen: Der Weg wird immer steiniger, kaputter und l\u00e4nger&#8230;der Treibstoff wird immer weniger und die Reparaturwerkst\u00e4tten werden privatisiert und immer teurer&#8230;es bleibt dann f\u00fcr den Herren oder die Herrin der eigenen Arbeitskraftmaschine nur noch das verzweifelte Tippen auf der Tankuhr, nur noch Fl\u00fcche und die Verdammung des eigenen K\u00f6rpers der nicht kann, wie man will.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large\">Man kann sich dann krank zur Arbeit schleppen oder sich mit Drogen durch die Woche bringen; das grunds\u00e4tzliche Dilemma wird dadurch nicht kleiner.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Krisengespr\u00e4ch in meinem Ausbildungsbetrieb. 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