Kommentar zu den Ausschreitungen in Frankreich

Hochvereehrte Lehrer, Polizisten, Aufseher,
liebe Familienväter, liebe Knastwärter,
sehr geehrte Politiker und Politikerinnen,

Klar. Ihr seid die Guten. Selbstlos opfert ihr euch auf, uns vor dem Bösen zu bewahren. Nicht wenig Arbeit steckt ihr in Besserungsanstalten, Gesetzbücher, Schulen, moralische Erziehung und Public Surveillance. Ein ständiger Weltlauf mit dem Bösen, ein ständiger Kampf gegen Windmühlen ist euer Schicksal. Denn das Böse lauert überall, ist unergründlich und unbesiegbar.
Unergründlich warum sich die Jugend auf der Straße die Fresse poliert.
Unergründlich wie moderne aufgeklärte Menschen zu Gewalttätern werden können.
Und unbesiegbar das französische Volk das nur seinen Zorn gegen zehntausende Tränengaskatuschen in der Hand hält.

Liebe Staatsväter,
ist auch der Zorn des Volkes für euch unergründlich?

Die Wissenschaft endet dort wo der Staat anfängt. Denn der Staat muss unantastbar sein sonst ist er nicht Staat. Wer den Staat in Frage stellt muss Extremist sein, wer den Staat untergräbt der Teufel persönlich. Diese, eure Moral, jagte Kugeln in den Körper Rudi Dutschkes und prügelt Stolz auf Demonstranten im hambacher Forst ein.
Immer nur Ausnahmsweise. Aus Notwehr.
Denn wo die Macht eures Staates nicht ist, dort ist das Chaos.
Wissenschaft aber funktioniert anders. Für wissenschaftliches Denken ist nichts unergründlich. Wenn ein Mensch zur Waffe greift oder brandschatzt, dann hat dass immer auch Gründe.
Redet einmal mit den Jugendlichen, die sich die Fresse polieren und mit den sadistischen Gewaltverbrechern in euren Betonkatzern. Fragt sie nach ihren Gründen. Schenkt ihnen Glauben, denn die Gründe sind verheerend gut.

Jenseits eurer Phantasie eines friedlichen Europas, ist die wirkliche Lebensrealität der Bürger alles andere als friedlich.

Was machen eine viertelmillionen Obdachlose mit einer Gesellschaft?

Was macht es mit Menschen wenn sie sich nur mit Schwarzarbeit oder Drogengeschäften über Wasser halten können?

Was lernen Kinder in unserer Gesellschaft wenn sie das Elend auf der Straße direkt neben den prall-gefüllten Warenhäusern sehen?

Sie lernen praktisch, was man ihnen auch in Schule und Elternhaus erzählt:

“Das Leben ist kein Zuckerschlecken”

“Man muss schauen wo man bleibt”

“Fressen und gefressen werden”

Eure Ideologie der Konkurrenz die ihr den Kindern einbläut ist nackte Gewalt.
Eine 6 in der Schule verdonnert zu harter körperlicher Arbeit oder Arbeitslosigkeit auf lebenslänglich, durch den Hauptschulabschluss.
Ein Lohnausfall führt in Berlin schon einmal dazu, dass Familien auf der Straße landen.
Wähle den falschen Beruf und du wirst als alter Mann noch in der Kälte Flaschen sammeln müssen.

Liebe Hüter der Marktwirtschaft,
Ihr haltet Obdachlose in der Kälte, obwohl Wohnungen leerstehen.
Mit welchen Mitteln?
Ihr haltet Menschen in unmenschlichen Arbeitsverhältnissen.
Wie?
Ihr habt die Kleinsten schon in der Schule in Konkurrenz zueinandergestellt.
Mit welchem Zweck?
Ihr betreibt aktiv die Gewalt. Mit der Gewalt eurer Knüppel! Mit der Gewalt des Marktes!

Ja, ich glaube euch. Eure Empörung über die Gewalt in Frankreich ist keine Heuchelei. Denn für euch erscheint diese Gesellschaft auch tatsächlich friedfertig. Eure Gewalt ist so gut koordiniert, technologisiert und moralisch verziert dass ihr scheinbar nichts mit alldem zu tun habt.
Denn Gewalt in der Natur zeichnet sich immer durch das Chaos aus. Es ist ein Ringen miteinander. Ein Kampf. Aber eure Gewalt ist kein Kampf. Eure Gewalt ist Ordnung.

Eure Gewalt ist so übermächtig, dass die meisten Menschen sie einfach hinnehmen. Es gilt eben als normal sein Leben bei der tristen Arbeit zu verbringen, in der Schule zu konkurrieren und auch mal Polizeiwillkür hinzunehmen. Die Menschen schlucken das, weil sie meinen es wäre übermächtig wie ein Naturgesetz.

In Frankreich wurde nun diese einseitige Gewalt endgültig durch eine neue Form ersetzt: Die Konfrontation. 30 Jahre lang tobt schon ein Krieg gegen das Volk in Europa. Die neoliberale Maschinerie zerstörte unsere Gesundheitsversorgung, unsere Arbeitsrechte, unsere Sozialsysteme, sie riss Menschen aus ihren Existenzen. Sie nahm uns das bisschen Würde was uns unter diesem System noch blieb. 30 Jahre lang blieb dieser Kahlschlag ohne Antwort. Still und bescheiden haben wir gefressen. Jetzt ist die Zeit gekommen euch eure Scheiße zurück in die Fresse zu kotzen!

Denn es gibt sie noch! Diese Momente in der Geschichte in denen das Volk merkt, dass ihr aus Fleisch und Blut seid. Das ihr genauso kaputt gehen könnt, wie ein gemeiner Arbeiter. Auch ihr seid keine Übermenschen. Und dann kriegt ihr Angst.

Denn ihr wisst: Zuviel Gewalt hat sich über die Jahre angestaut.

Zuviele Menschen habt ihr gedemütigt, verarmt, unterjocht, bespuckt und malträtiert. Als sie sich wehren wollten habt ihr sie sanktioniert, eingesperrt und in euren Klapsmühlen unter Drogen gesetzt. Doch Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und die lässt sich vielleich einsperren, aber nicht auflösen. Klar. Ihr könnt die Leute dazu zwingen ihre Wut zu verbergen, ihren Hass zu bändigen schafft ihr nicht.

In eurer friedlichen Welt wächst der Hass jeden Tag. Und es braucht wenig ihn zur Explosion zu bringen. Eure reine weiße Welt konnte nur existieren durch das Böse, durch die vielen gesichtslosen, würdelosen Menschen die ihr in den Kellern der Lohnsklaverei gehalten habt wie idiotische Tiere.

Wehe euch, ihr sauberen Gutmenschen. Da draußen sind zuviele Narben und zuviel Blut.

Tupamaro

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